aus guten Gründen - The And and Friends
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aus guten Gründen

Verantwortung ergreifen

1766 prägte Carl von Linné den Begriff „Homo sapiens“ (lat. verstehender, verständiger, vernünftiger, einsichtsfähiger, weiser Mensch). Er brachte damit zum Ausdruck, was er als das zentrale Merkmal des Menschen in der Gegenwart sah.

Es ist die Zeit der Aufklärung und der beginnenden Industriealisierung. Alte Herrschaftsformen mit ihren Pflicht- und Schuldvorstellungen geraten ins Wanken. Große Bevölkerungskreise ermächtigen sich, gewinnen an Gestaltungskraft und etablieren neue Freiheiten und Rechte. Der Einfluss untereinander wächst. Die Idee der Verantwortung gewinnt an Bedeutung. Wer Entscheidungen trifft, muss sich Fragen gefallen lassen und seine Entscheidungen begründen. Dieser Wandel prägt die weitere historische Entwicklung.

Wer Antworten hört, muss sie allerdings auch verstehen und prüfen können. Viele Abläufe verändern sich heute schnell, sind hochgradig voraussetzungsvoll und mit anderen Prozessen verknüpft. Nur Bruchteile davon sind für den Einzelnen erfahrbar. Die Angewiesenheit auf Aussagen zur Beurteilung von Aussagen steigt.

Zehn Facetten zur Einführung

Wer gute Gründe hat, ist im Vorteil. Wir Menschen fühlen uns hingezogen und aufgehoben, wo Entscheidungen auf Gründen beruhen, die wir teilen. Auf Abstand oder in den Widerstand gehen wir, wenn Entscheidungen in Gründen gründen, die uns nicht anschlussfähig erscheinen. Grund genug, Gründen Aufmerksamkeit zu schenken.

Gründe

Warum fällt ein Apfel auf den Boden? Was bringt Menschen dazu, sich einem Vorhaben zuzuwenden oder sich von ihm abzuwenden? Die Welt und das Handeln erklärbar machen, dafür nutzen wir Gründe. Mit Gründen legen wir Strukturen ins Leben. Im Meer der flüchtigen Phänomene schnüren wir sie zu geistigen Flößen zusammen, um Halt zu finden. Sie bieten einen Standpunkt und bilden die Grundlage und den Gegenstand unserer Suche nach Verständnis und Verständigung.

Relationen

Das Geben von Gründen ist der Kern der Idee von Verantwortung. Verantwortung bedeutet Antwort geben. Und Antwort geben, das bedeutet Gründe nennen. Verantwortung ist ein mehrstelliges Prädikat: Der Träger der Verantwortung ist gegenüber einem Adressaten in Bezug auf einen bestimmten, dem Strom der Ereignisse entnommenen, Moment aufgefordert, Gründe für seine Überzeugungen, für seine Handlungen oder die ihm zugerechneten Handlungsfolgen zu nennen.

ICH-Erlebnis

In der Verantwortung sein, das bedeutet mit dem Verlangen nach einer Antwort konfrontiert zu sein. Als Befragte spüren wir, wir sind gemeint. Uns kommt Aufmerksamkeit zu. Unsere soziale Eingebundenheit steht auf dem Spiel. Wir nehmen die Erwartungen wahr, die andere Menschen an uns richten und wir spüren, ob wir diesen Erwartungen gerecht werden. Erfahrene Zustimmungen und Zurückweisungen sind mit Ich-Erlebnissen gekoppelt. Sie beeinflussen unser Selbstbild.

WIR-IHR-Erlebnis

Aus dem wechselseitigen Geben von Gründen entstehen gemeinsame Vorstellungen von guten und schlechten Gründen. Gelernt wird, was wann akzeptabel oder inakzeptabel ist. Gefühle der Sympathie und Antipathie und Prozesse der Inklusion und Exklusion sind mit den Antworten verbunden. Deutlich wird, es gibt Menschen, die ähnlich oder anders denken. In Zustimmungsgemeinschaften bildet sich ein soziales Band. Über Wir-Ihr-Erlebnisse entstehen soziale Identitäten.

Zeitdimension

Verantwortlich gewesen zu sein, geht mit der Erfahrung einher, für frühere Ereignisse Rede und Antwort gestanden zu haben. Verantwortlich für etwas zu werden, geht mit der Aussicht einher, für kommende Ereignisse Rechenschaft leisten zu müssen. Zuschreibungen für vergangene und zukünftige Ereignisse sind Formen der Bewältigung von Unsicherheiten. Verantwortung gründet auf dem Gedanken der zurückschauenden Rekonstruktion und der vorausschauenden Planung von Ursächlichkeit.

Flexibilität

Im Unterschied zu einer durch Gebote und Pflichten von oben vorgegebenen Ordnung ist Verantwortung unter Gleichen definierbar. Sie ermöglicht Vielfalt und Vernetzung durch Einrichtung von Verantwortlichkeiten in gemeinsamer Abstimmung. Die neue Ordnung ist beweglich und mächtig zugleich. Ihre regulatorische Kraft ist die Entscheidung über Zugehörigkeit. Wer keine guten Gründe nennen kann, dem droht der Ausschluss. Den kann sich nur leisten, wer Alternativen hat.

Urteilskompetenz

Die Einforderung und Übernahme von Verantwortung bedarf der Fähigkeit, den Nutzen oder Schaden einer Entwicklung sowohl für die eigene Person als auch für andere Personen und Lebewesen erfassen und bewerten zu können. Im Mittelpunkt steht die Abwägung von Gründen anhand höherwertiger Gründe. Das klingt nach einem infiniten Regress. Doch die Suche nach Gründen endet im Erfolgsfall in den Zustimmungen, Befriedigungen und Selbstverständlichkeiten der Suchenden.

Zurechenbarkeit

Die Grenzen der Verantwortung liegen in den Grenzen der Zurechenbarkeit. Verantwortung kommt einem Menschen nicht zu für Ereignisse, für die er nicht ursächlich ist. Hierzu gehört der Ort der Geburt und die damit verbundene relative Begünstigung oder Benachteiligung durch gesellschaftliche und natürliche Faktoren. Mit zunehmender Entfernung von diesem Eintrittspunkt ins Leben gewinnt die Frage an Gewicht, was einem Menschen zuzurechnen ist, was in seiner Eigenverantwortung liegt.

Mitverantwortung

Besondere Bedeutung kommt der Idee der Verantwortung überall dort zu, wo Überzeugungen, Handlungen und Folgen vieler Menschen ineinander greifen und sich zu großen Richtkräften vereinen. Jede Einzelentscheidung stärkt die gewählten und schwächt die nicht gewählte Alternativen. Wie ist damit umzugehen, dass individuelle Beiträge gering erscheinen, die Summe aller Beiträge aber nicht? Wie weit tragen die prozessierten Gründe zu den Menschen, deren Leben jetzt und in Zukunft mitbestimmt wird?

Dialogverantwortung

Gute Gründe verbinden. Sie entstehen im Austausch, nicht im Schlagabtausch. Dialoge sind Geburtsorte für zustimmungsmögliche Antworten. Der Dialog ist ein Ort des Mitbedenkens, Durchdenkens und Neudenkens. Es geht um ein Sich-Einlassen, um ein Zulassen fremder und ein Zurückstellen eigener Vorstellungen. Miteinander innerlich wachsen, nicht begrenzen. Sich dafür als ursächlich zu erfahren und darauf hinzuwirken, das ist gelebte Dialogverantwortung.