sich der Welt stellen - The And and Friends
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sich der Welt stellen

Komplexität meistern

In erster Annäherung lässt sich Komplexität verstehen, als eine Eigenschaft von Systemen, die sich wandelbar zeigen, weil sich ihre inneren Prozesse – inklusive der Strukturen und Elemente, auf denen diese Prozesse beruhen – verändern können.

Tiere, Menschen, Märkte sind klassische Beispiele. Ihr Verhalten lässt sich oft rekonstruieren doch nur ungenau prognostizieren. Nicht zuletzt als Antwort auf die natürliche Unsicherheit umgeben sich Menschen mit Gegenständen und Regeln, die ihnen eine, an unangenehmen Überraschungen reduzierte, Aneignung von Welt gestatten. Schuhe und Kleidung, Wege und Häuser, Maschinen und Computer aber auch Traditionen und Normen, sie alle zielen auf die Bereitstellung von Optionen, die verlässlich planbar, reproduzierbar und reparabel sind.

Mit dem technischen und gesellschaftlichen Fortschritt werden die Optionen zahlreicher und voraussetzungsvoller. Es entsteht eine anthropogene Lebenswelt, eine Art zweite Haut. Auch ihre Entwicklung lässt sich in vielen Fällen rückblickend verstehen aber nicht sicher vorhersagen. Sie ist der Ursprung einer neuen soziotechnischen Komplexität.

Zehn Facetten zur Einführung

Leben beruht darauf, strebt danach, leidet daran. Inmitten der natürlichen Komplexität wächst die vom Menschen erzeugte soziotechnische Komplexität. Sie bietet Schutz und eröffnet Möglichkeiten. Gleichzeitig konfrontiert sie mit neuen Phänomenen, Instabilitäten und Risiken. Inselwissen hilft nicht weiter. Es braucht eine übergreifende Betrachtung.

Wirkungsnetze

Nichts existiert isoliert. Nichts steht still. Alles ist eingebunden in ein Netzwerk aus Beziehungen. Teils merklich, teils unmerklich prägen unzählige Ein-, Aus- und Rückwirkungen das Geschehen in uns und um uns herum. Der Begriff Komplexität steht für das Verknüpfte, das Verwobene (lat. com: zusammen, plectere: flechten). Miteinander verbundene Elemente sind eine Voraussetzung für das Inerscheinungtreten von Komplexität. Doch damit etwas als komplex erkennbar wird, braucht es mehr.

Systeme

Ein Set ist ein scheinbar wirkungsloses Nebeneinander von Elementen. Sobald Elemente zueinander in Beziehung treten – sie ein von Prinzipien geprägtes Ganzes bilden, dessen Strukturen und Prozesse sich von denen in anderen Bereichen unterscheiden – entsteht ein System und mit ihm eine Grenze. Die Grenze zwischen System und Umwelt fungiert als Filter und Übersetzer. Sie ermöglicht Ereignissen auf der einen Seite entweder keine oder eine, wie auch immer geartete, Repräsentation auf der anderen Seite des Systems.

Selbstorganisation

Eine Ordnung kann in Abhängigkeit von den Außenbedingungen direkt aus den Elementen und ihren Beziehungen hervorgehen. Die Elemente streben ohne einen ordnenden Eingriff die zum Einfluss aller Wirkkräfte passende Position an. Dissipative Systeme (lat. dissipare: zerstreuen) sind in ihrer Selbstorganisation auf einen fortwährenden Energie-, Stoff- und Informationsdurchlauf (Metabolismus) angewiesen. Ihre Ordnung bewahren sie auf Kosten der Ordnung um sie herum.

Rückkopplungen

Selbstorganisation gründet in Rückkopplungsprozessen. Eine Einwirkung wird mit den Auswirkungen der Einwirkung gekoppelt. Das Beeinflusste wirkt auf das Beeinflussende zurück. Rückkopplungen können in Form einfacher oder hochgradig verzweigter Schleifen erfolgen. Positive Rückkopplungen wirken fördernd. Sie heben etwas hervor und geben ihm eine wachsende Präsenz. Negative Rückkopplungen wirken hemmend. Sie laufen den aufbauenden Prozessen entgegen und wirken eingrenzend oder auflösend.

Emergenz

Der Begriff Emergenz (lat. emergere: in Erscheinung treten) kennzeichnet Eigenschaften, die unter bestimmten Bedingungen aus den Interaktionen von Elementen – speziell aus positiven Rückkopplungsprozessen – hervorgehen. Es sind Eigenschaften, die die interagierenden Elemente selbst nicht besitzen. Emergent sind folglich „höhere“ Ordnungs- bzw. Seinsstufen, die aus vorausgehenden Seinsstufen entstehen. Sie markieren Momente der Unterbrechung und des Neubeginns im Aufbau von Komplexität.

Nichtlinearität

Bei linearen Systemen führt eine Ursache zu immer gleichen Reaktionen. Auch die Wirkung von Intensitätsveränderungen ist prognostizierbar. Für komplexe Systeme gilt das nur eingeschränkt. Ihre innere Konstellation ist wandelbar. Entstandene Kritikalitäten können dafür ebenso ursächlich sein, wie Veränderungen in der Sensitivität. Beim Überschreiten von Schwellenwerten sind Wechsel in neue Funktionsmuster möglich. Dadurch kann der gleiche Impuls zu einem späteren Zeitpunkt zu anderen Folgen führen.

Koevolution

Systeme können nebeneinander existieren, in größere Systeme eingebettet sein oder selbst kleinere Systeme in sich einbetten. In allen Fällen bilden Systeme füreinander Umwelten. Auf Veränderungen in ihrer Umgebung reagieren Systeme mit Anpassungen, die ihrerseits Veränderungen – und damit weitere Anpassungen (Koadaptionen) – auslösen. Vergrößert sich die Zahl der Anpassungsoptionen der Systeme, so spricht man von einer Koevolution bzw. einer Evolution der Beziehungen zwischen den Systemen.

Kategorien

In komplexen physikalischen Systemen (Complex Physical Systems, CPS) verändern sich die Elemente, hier Bausteine genannt, nicht. In komplexen adaptiven Systemen (Complex Adaptive Systems, CAS) passen sich die Elemente, hier Agenten genannt, an das Verhalten anderer Agenten an. In komplexen evolvierenden Systemen (Complex Evolving System, CES) werden aus den sich verhaltenden und lernenden Agenten handelnde und gestaltende Akteure, die selbst neue Einflüsse und Rahmenbedingungen generieren.

Kontingenz

Kontingenz (spätlat. contingentia: Möglichkeit) beschreibt das Vorliegen einer Möglichkeit und Nichtnotwendigkeit. Etwas kann so oder anders möglich sein. Mit der Komplexität wächst die Kontingenz. Kontingente Situationen fordern zu Entscheidungen auf. Mit der Entscheidung wird die Unsicherheit bei einer Entscheidung in das Risiko einer Fehlentscheidung überführt. Die abgewählten Optionen bleiben in Erinnerung an ihre frühere Wählbarkeit oft mit der Entscheidung verbunden – eine Grundbedingung für Lernprozesse.

Pfadabhängigkeit

Aus der Vergangenheit kommen die Optionen für die Zukunft. Die Evolution formt Lebensräume und Lebewesen. Gesellschaften erzeugen kulturelle Vorstellungen und technische Sachmittel. Es entstehen Möglichkeitsräume, in denen einige Entwicklungen mehr und andere weniger wahrscheinlich werden. Nehmen auf diesem Pfad einzelne Möglichkeiten den Charakter von Notwendigkeiten für weitere Entwicklungen an, kommt es zum Lock-in, einer abhängigen und sich selbst begrenzenden Entwicklung.